Expertise

Wenn man als „Experte“ zu einer Talkrunde eingeladen wird, schmeichelt das. Ist so. Wenn einen dann noch einer der 100 größten Konzerne der Welt einlädt: Schampus!

Im konkreten Fall: Die Deutsche Post. Jetzt kann man über die Deutsche Post denken, was man will – für mich ist die Deutsche Post meine persönliche Mutter der Kommunikation…, sozusagen „das analoge Internet meiner Jugend“. Fast alles was ich heute per Laptop, Smartphone, Tablet und Co. erledige, ging früher nur über eine Instanz: Die Post. Telefonieren, schriftliche Nachrichten versenden oder jemanden per Telefonbuch stalken. Fakt: die Kommunikationsgeschichte meiner Jugend ist gelb.

Ich bin also der Experte zum Thema  „Sei mein Freund und kaufe bei mir ein“ – Sub: „Social-Media-Marketing – Segen oder Fluch für den Mittelstand“.

Okay, in dem Moment, in dem ich das schreibe, merke ich es selbst: Das ist jetzt nicht der Vortragstitel mit dem man sich bei TED(x) bewirbt. War aber so vorgegeben.

Zugegebenermaßen wurde ich gefragt, ob ich das ändern möchte – habe aber gesagt, dass das völlig okay für mich wäre. Es war insbesondere deshalb okay, weil das Format für mich ein vollkommen ungewohntes war. Ich wurde diesmal nicht gebeten den 45minüter mit den üblichen Anekdoten, Successstories und der der Höflichkeit geschuldeten Passage „Wir haben auch mal etwas richtig doll falsch gemacht… um dann aber folgende wertvolle Learnings daraus mitzunehmen“ vorzutragen! Es ging auch nicht um die schmissige „Expertenrunde mit total kontroversen Teilnehmern“.

DPM Social Media Golflounge

Die Idee war so simpel wie cool: 90 Minuten, 25 Entscheider aus dem lokalen Mittelstand, eine Moderatorin, ein Experte. Keine Agenda, keine Vorgaben, kein Bullshit. Nur die Hoffnung, dass sich eine lebhafte Diskussion ergibt. Und das allerbeste: Kein Mensch wusste, ob das funktionierten würde, da auch die Veranstalter auf Seiten der Post soetwas noch nicht probiert hatten.

Nun ist es so, dass ich es hasse Vorträge vorzubereiten. In der Regel entstehen meine Präsentationen in der Nacht bis hin zu wenige Minuten vor dem Termin. Das Format kam meinem Naturell also extrem entgegen – dachte ich. War aber am Vorabend dann gefühlt doch nicht so. Die Nacht habe ich also damit verbracht die Teilnehmer akribisch digital zu durchleuchten. Was haben die eventuell für Vorkenntnisse, was machen deren Unternehmen auf Facebook und Twitter, was könnten die fragen…

DPM Social Media Golflounge

Sauber aufmunitioniert erscheine ich Tags darauf also in der Golf-Lounge (übrigens – Achtung Werbung – eine sehr geschmeidige Location). Im Gepäck: ein bunter Strauß voller Weisheiten, guter Tipps und raffinierter Gesprächs-Opener für jeden einzelnen Gast.

Wie gesagt: Location super, Gastgeber professionell, Stimmung locker,… ich dementgegen relativ unsicher was passiert.

Ich mache es nicht spannender als es eigentlich war: Das war für mich einer der entspanntesten Vortragsabende ever. Selten habe ich eine Runde erlebt, die unbefangener, unprätentiöser, offener und mehr auf Augenhöhe über ein Thema diskutiert hat als hier.

Selten habe ich mit Marketeers und Geschäftsführern so ohne das Gefühl jetzt etwas „extrem disruptives“ sagen zu müssen das Thema Social Media behandelt und selten hatte ich mich in der „Expertenrolle“ so wohlgefühlt wie hier.

Die Themen die auf den Tisch kamen waren soweit entfernt von der omnipräsenten KPI-Diskussion, Datenschutzgelaber, Big-Data-Bullshitbingo und ERP-Integrationswahnsinn wie man es sich nur vorstellen kann. Es ging fast ausschließlich darum, was Social Media kann und was vielleicht nicht. Was Sinn macht und was vielleicht nicht. Warum das eine funktioniert und das andere vielleicht nicht. Mit anderen Worten, wir haben uns über die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Beziehungen zwischen Unternehmen und Menschen unterhalten. Nicht mehr und nicht weniger. So wie früher – als das Social Media Gras noch grün war. Das war gut!

DPM Social Media Golflounge

Mittelstand rockt… das kann ich als Kleinunternehmer mit Konzernkunden ohne Selbstbeweihräucherung sagen. Ich habe extrem Lust darauf bekommen mehr Mittelstandskunden zu betreuen. Die Deutsche Post rockt auch… wegen der gelben Telefonzellen von damals… und der Telefone mit Wählscheiben die mich gelehrt haben mir Nummern zu merken… und wegen der Möglichkeit einen handgeschriebenen Brief zu verschicken… und weil die Deutsche Post ein innovatives Unternehmen ist, das den Mittelstand nicht vergisst.