Mein erstes Mal hat mich positiv geschockt

„Es hätte mich sehr viel schlechter treffen können”, ist mein erster Gedanke. Hamburger Altstadt, Backsteingebäude, Sonnenschein. Gut, ein Montagmorgen zwar, aber am ersten Arbeitstag übersteigt die Motivation bekanntlich den Wochenstart. „Diese Straße gibt es seit 1251” steht an der Hauswand — Cremon 36 liegt direkt an einem Fleet und gefällt mir auf Anhieb. Hallo, Ministry Group. Ab heute gibt es „New Work“ für mich.

Den komplizierten Weg von der Eingangstür zum Empfang kenne ich noch vom Bewerbungsgespräch: acht Schritte geradeaus. Dort sitzt Kirsten Chica, von den meisten “Kirschi” genannt. „Hi Christian, erster Tag, auf geht’s!” Unkompliziert, direkt, auf geht’s. So mag ich das.

Mein neuer Arbeitsplatz

Kirsten führt mich einmal durchs Untergeschoss, vorbei an Sitzsäcken, Tischkicker, Schaukel, Popcornmaschine, Playstation, Xbox UND Nintendo Wii. Über eine Wendeltreppe im Loft-Style geht’s ins erste Obergeschoss, vorbei an den neuen Kollegen. Von allen Seiten schallt es „Moin, moin, moin, moin, …” Ich bin kurz davor zu sagen: „Hab’ kein Flens!”

Aber es ist ja der erste Tag, also ganz brav: „Moin!”

Ins zweite Obergeschoss geht’s durchs Treppenhaus. Mittlerweile bin ich nicht mehr in der Lage, mir die Namen der Kollegen oder den Weg zurück durch das ehemalige Hafengebäude zu merken. Oben angekommen, stellt sich Nicola vor: „Zu mir immer schön nett sein, ich mache die Gehaltsabrechnungen”. Es geht vorbei an einer kleinen Lounge, zwei gläsernen Besprechungsräumen und schließlich sind wir da.

Auf meinem Tisch steht ein Apple-Rechner, der Werkstudent gegenüber bevorzugt Windows. Das hat schon mal geklappt, genau wie versprochen. Die Ministry-Personalerin Kristin hat darüber hinaus Schokolade neben den Bildschirm gelegt. „Schön, dass du da bist!”

Die ersten Stunden

“Onboarding” steht nicht nur auf dem 20-seitigen Heft, das mir die ersten Schritte im Office einfach gestaltet, sondern auch auf dem für zwei Wochen täglich wiederkehrenden Termin mit einem unserer Chefs, Andreas. Er nimmt sich, auch heute wieder um 15:00 Uhr, jedes Mal eine Stunde Zeit, um mir Fragen zu beantworten, Hinweise zu geben, Feedback für meine Ideen bereitzustellen.

Kristin nimmt mich außerdem mit zum Mittagessen. Schneller habe ich noch nie Anschluss gefunden, obwohl ich mich für einen umgänglichen Typen halte (Eigen- und Fremdbild variieren ja oft, also keine Garantie an dieser Stelle).

Und ich nur so: Holy Shit!

Meine erste Woche wurde vom G20-Gipfel in Hamburg begleitet — überschattet mag dem einen oder anderen als der passendere Begriff erscheinen. Deshalb wurde mir nicht nur von Kollegen und Chefs empfohlen, Donnerstag von zu Hause aus zu arbeiten, am Freitag, als der Krawall in der Stadt richtig eskalierte, wurde clevererweise das Sommerfest gefeiert.

Natürlich außerhalb Hamburgs (am Timmendorfer Strand).

Bereits zwei Wochen vor Arbeitsantritt hatte Kristin mir eine Mail geschrieben: „Wir vom Spaßteam organisieren jedes Jahr eine Sommer- und eine Weihnachtsfeier. Nimm Badehose und Handtuch mit!” … und ich nur so: Holy Shit! ein Spaßteam?!

„Hallo Kristin, das klingt ja super, danke für die Info, ich freue mich, bis bald.” Und so weiter. Man möchte ja trotz der Euphorie einen gemäßigten Eindruck hinterlassen.

Am Freitag meiner ersten Arbeitswoche trifft sich also die gesamte Ministry Group an der U-Bahn-Haltestelle Wandsbek/Gartenstadt. Das Wetter spielt mit, kurze Hosen, Sommerkleider, gute Laune. Mir wird bereits aus zwanzig Metern zugewunken, ich fühle mich integriert. Ab in den Bus Richtung Lübeck.

Dort angekommen, erwartet uns ein eigener Strandabschnitt mit Strandkörben, Stand Up Paddling, sechs Riesen-Trampolinen, Beachvolleyball (auch beim kurzzeitigen Regenguss inklusive Gewitter haben wir voll durchgezogen), Buffet, Beach-Rallye.

So viel sei gesagt: Mein Team belegte den letzten Platz bei der Rallye. Wir waren einfach keine guten Burgen-Bauer und Liegestuhl-Aufsteller. Zum Glück steht sowas nicht im Arbeitsvertrag. Immerhin gelte ich jetzt als “der Typ, der ganz passabel Volleyball spielen kann”. Das ist doch auch was!

Vom Leidbild zum Leitbild?

Ich komme mal kurz zur Überschrift dieses Artikels: Es ist das erste Mal, dass ich “New Work” als Angestellter erlebe. Und das schockt mich. Im positiven Sinne. Man soll ja nicht schlecht über vorherige Arbeitgeber sprechen. Deshalb nur ganz kurz: Ich habe im vergangenen Jahr – kein Witz – 350 Überstunden gesammelt. Das sind abgerundet 43 Arbeitstage. Eine typische Erscheinung in Agenturen und im PR-Bereich.

Hier undenkbar: Homeoffice jederzeit erlaubt. Gleit- und Vertrauenszeit ist Standard. Fünf Minuten die Augen zumachen, um Kraft und Kreativität zu tanken? Kein Problem! Früher wurde ich “für meinen Arsch” bezahlt, jetzt für meinen Kopf. Im Raum nebenan steht ein Massagesessel. Es gibt jeden Tag Brötchen mit Nutella (andere Brotaufstriche kommen für mich nicht infrage.) Getränke und Obst den ganzen Tag für lau. Wochenende ist Wochenende.

Man gewöhnt sich schnell an tolle Dinge, an schlechte eher langsam. Ich hoffe, dass mir der “ich-bin-positiv-geflasht-Eindruck” trotzdem noch einige Zeit erhalten bleibt. Negatives gibt es immer, aber das halten die Kollegen noch ziemlich gut vor mir versteckt.

Eine wichtige Lektion

Als ich am Montag, zu Beginn meiner zweiten Arbeitswoche, ausgeruht und voller Tatendrang mein Nutellabrötchen in der Firmenküche aufstreiche, im ersten Obergeschoss versichere, dass ich kein Flens dabei hätte und mich schließlich auf meinem Bürostuhl niederlasse (im Hintergrund plätschert der Regen idyllisch in das Fleet am Cremon 36, Möwen fliegen vorbei), schaut Kristin — die Personalerin — mich ernst an. „Du kommst aus der Küche? Das Allerwichtigste weißt du noch nicht: Ich trinke meinen Kaffee schwarz.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.