Warum ich Anschreiben abgeschafft habe… beinahe!

Es gibt viele Ratgeber und Beiträge zum Thema Bewerbungen. In vielen stehen Dinge drin wie: Beziehen Sie sich im Anschreiben auf die relevanten Stationen in Ihrem Lebenslauf, passen Sie das Schreiben möglichst passend aber realistisch auf die Stellenanzeige an, machen Sie deutlich, warum Sie der/die Richtige für das Unternehmen sind. Ich sage: HÖRT BLOß AUF DAMIT!

In meiner – bis jetzt – vergleichbar kurzen Laufbahn als HR Manager habe ich gefühlt mehrere Millionen Anschreiben gelesen (Achtung: Übertreibung!). Darunter waren sehr kreative, individuelle kleine Geschichten, ein paar Einzeiler mit der wundervollen Aussage “Hiermit bewerbe ich mich. Über eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch würde ich mich sehr freuen.”, und ein großer, zäher Brei an Standard-Formulierungen und Aussagen. In Zeiten des Internets ist ein halbwegs brauchbarer Ratgeber zu Bewerbungen nur einen Klick entfernt. Leider hat das dazu geführt, dass sich ein Großteil der Anschreiben stark ähnelt. Demnach ist so gut wie jeder Kandidat sehr selbstständig, hat ein hohes Maß an Eigenverantwortung, ist qualitätsbewusst und zielstrebig.

Buzzword Bingo, 1, 2, 3

Mittlerweile habe ich es mir angewöhnt, beim Durchgehen von Anschreiben eine mentale Checkliste durchzugehen. Selbstständig? Check. Eigenverantwortung? Check. Zuverlässigkeit? BINGO! Natürlich lese ich – pflichtbewusst und sorgfältig wie ich bin (BINGO) – jedes Anschreiben sehr genau. Aber ich kann mir einfach nicht helfen: je mehr dieser wundervoll trockenenen kleinen Motivationsschreiben ich lese, desto frustrierter werde ich. Wie soll ich bei dieser Einheitsmasse noch entscheiden, welcher Bewerber wirklich passen könnte? Das führt dementsprechend auch öfter dazu, dass Anschreiben nebensächlich werden in der Entscheidung, wen wir zu einem Gespräch einladen, und uns stattdessen nur auf den Lebenslauf konzentrieren. Und das ist eigentlich sehr schade, denn ein Anschreiben bietet so viele Möglichkeiten, sich selbst vorzustellen, uns einen Eindruck davon zu vermitteln, wer man WIRKLICH ist, und nicht wie gut man die Kunst des Buzzword-Anschreibens beherrscht. Glücklicherweise sind dann viele Kandidaten im persönlichen Gespräch gar nicht so farblos, wie ihre Anschreiben vermuten lassen. Woran liegt es dann also, dass die wenigsten Anschreiben wirklich individualisiert sind? Mangelt es an Kreativität? Ist es einfach zu anstrengend Bewerbungen zu schreiben und sich aus den Fingern zu saugen, warum gerade man selbst der absolut passendste Kandidat auf der ganzen Welt ist?

Das Problem sind die Stellenanzeigen

Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung nicht bei den Bewerbern. Wenn man sich den riesigen Markt der Stellenanzeigen anschaut, stellt man (absolut und überhaupt nicht überraschend) fest, dass sich auch Stellenanzeigen sehr gut für eine Partie Buzzword Bingo eignen! Denn auch wir Personaler haben viele Ratgeber und Studien gelesen, wie die optimale Stellenanzeige aussehen sollte. Bitte kurz und knackig in Stichpunkten auflisten, was die Aufgaben der Stelle sind, welche Fähigkeiten der Bewerber mitbringen muss, und welche Benefits man bietet. Da stehen dann Dinge wie “Wir erwarten ein hohes Maß an Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Zuverlässigkeit”. AHA. Was genau heißt denn das? In welchem Kontext braucht ein Kandidat diese Eigenschaften?

Buzzword Bingo Jobs – karrierebibel.de

Risiko Individualität

Wie ist es dazu gekommen? Auf der Personal NORD Messe habe ich mir einen kurzen Vortrag eines Vertreters von StepStone zur optimalen Stellenanzeige angehört. Analysen des Suchverhaltens der Bewerber ergeben also, dass sie kurze, stichwortartige Beschreibungen bevorzugen.. Liest sich schneller, klar. Kann ich schon verstehen. Ich hab bei der Suche nach einem Job auch wenig Lust, mich durch dutzende Fließtexte durchzuarbeiten, bis ich die wichtigen Infos finde. Was passiert also, wenn man mal etwas ganz anderes wagt? Wenn man dabei nicht so humorvoll und textgewandt ist wie einige Ausreißer, die dann sehr viel mediale Aufmerksamkeit generieren?

Stellenanzeige DB Service Store
Beispiel für eine sehr außergewöhnliche und humorvolle Stellenanzeige

Das Risiko, keine bzw. nicht geeignete Bewerbungen zu bekommen, ist gefühlt sehr hoch. Die Bewerber sind diese Form der Anzeigen mittlerweile eben gewohnt, schauen sie sich denn andere Anzeigen überhaupt an, wenn wir nicht gerade ein super krass überdurchschnittliches Employer Branding haben und sich die Leute sowieso darum reißen, bei uns anfangen zu dürfen?

Schuldig – aber ich gelobe Besserung

Eine Studie oder einen Erfahrungsbericht habe ich bis jetzt dazu noch nicht gefunden. Also probiere ich es jetzt einfach mal aus. Eine unserer Stellenanzeigen ist jetzt in Form eines FAQs aufgebaut: Was sind die häufigsten Fragen, die mir Bewerber im Vorstellungsgespräch stellen? Wie ist das Arbeitsklima hier? Wie sieht mein Team aus? Wie arbeiten wir zusammen? Was sind denn jetzt – wirklich! – die Aufgaben? Und wie viel kann ich verdienen? Ich habe diese Anzeige ergänzt mit der Bitte, uns IRGENDWAS als Bewerbung zu schicken. Im Beispiel des Entwicklers:

Warum schickst du uns nicht deinen schönsten Code? Dein schrecklichstes Projekt? Hauptsache es ist etwas, womit wir einen kleinen Eindruck davon bekommen können, wer du bist.

Ob das funktioniert? Weiß ich noch nicht. Bis jetzt hält sich die Anzahl der Bewerbungen tatsächlich in Grenzen. Einen Versuch ist es mir aber sowas von Wert! Die regulären Stellenanzeigen liegen ja zur Not immer noch in greifbarer Nähe…

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